Thema Kreislaufwirtschaft: ein Interview mit dem Experten Raphael Fasko am 29.04.2019

Raphael Fasko ist ein Spezialist auf dem Gebiet Kreislaufwirtschaft und Geschäftsmodelle. Er arbeitet als Hauptverantwortlicher für das Thema bei der Firma Rytec AG und ist als Experte für Reffnet.ch tätig.

Thema Kreislaufwirtschaft: ein Interview mit dem Experten Raphael Fasko

Ist Kreislaufwirtschaft das neue Recycling?

Kreislaufwirtschaft (KLW) wird oft als «Recycling-Plus» verstanden. Das greift jedoch viel zu kurz und wird dem Potential der KLW nicht gerecht. Darum möchte ich die Begriffe sehr klar trennen. Recycling ist ein ganz kleiner Teil der Möglichkeiten in der Kreislaufwirtschaft.

Während Recycling meist eine «End of Pipe»-Methode zur Kreislaufschliessung von Materialien ist, beinhaltet KLW die Kreislaufschliessung von Materialien UND Produkten. Konkret geht es neben Recycling um «Kreislaufschliessungen» über Reparatur, Wiedereinsatz, Teilen oder Wiederaufbereitung (Remanufacturing). Weiter muss KLW, um erfolgreich zu sein, auch «Beginning of Pipe»-Ansätze (Kreislaufschliessung per Design geplant) und Geschäftsmodelle wie Dienstleistungs- und Mietmodelle beinhalten. Erst dadurch wird die Kreislaufschliessung ökonomisch attraktiv. Insofern ist Kreislaufwirtschaft ein Paradigmenwechsel und kann in meinen Augen nicht nur als Anwenden von Prinzipen des Recyclings auf neue Felder verstanden werden.

 

Welches Potential sehen Sie in der Kreislaufwirtschaft?

In der Abfallwirtschaft werden viele Nutzungs- und Materialrestwerte vernichtet. Die Kreislaufwirtschaft liefert die Ansätze, um diese Werte effizienter zu nutzen und damit Geld zu sparen oder zu verdienen. Über innovative Geschäftsmodelle und Kreislaufdesign lassen sich in zahlreichen Produktegruppen ökologische und ökonomische Win-Win-Situationen und neue Wettbewerbsvorteile realisieren. Dadurch kann Ressourceneffizienz zum Geschäftsmodell werden und Wirtschaft und Umwelt gleichzeitig profitieren.

Schweizer Perfektionismus mit raffiniertem, langlebigem, modularem oder reparierbarem Design hat in der Kreislaufwirtschaft einen Wettbewerbsvorsprung. Zudem besteht grosser technischer Innovationsbedarf für die KLW, was für Schweizer Unternehmen Marktchancen eröffnet.

 

Wo sehen Sie die grössten Einsparpotentiale?

Insbesondere bei den Gebäudehüllen und Baumaterialien gibt es grosse ökologische Einsparpotentiale. Die langen Nutzungszyklen sind für die Realisierung von ökonomisch selbsttragendem Kreislauflösungen per Design jedoch herausfordernd.

Bei Gebrauchsgütern mit hohen Nutzungsrestwerten oder Materialrestwerten lässt sich die Kreislaufschliessung am einfachsten mit ökonomischen Vorteilen realisieren.

Bei technischen Geräten und Investitionsgütern der Maschinenindustrie ist speziell die Wiederaufbereitung (Remanufacturing) ein Feld mit grossem Potential.

 

Was sind die aktuell wichtigsten Entwicklungen im Bereich der Kreislaufwirtschaft?

In der Kreislaufwirtschaft wie sie heute diskutiert wird, sind neue Geschäftsmodelle ein integraler Teil geworden. Es herrscht ein Konsens und Verständnis, dass man Kreislaufdesign nur erfolgreich mit darauf abgestimmten Geschäftsmodellen realisieren kann. Diese Entwicklung begrüsse ich sehr!

Extrem spannend sind auch die vielen neuen Materialen die aktuell entwickelt werden z.B. Climatex mit seinen über eine «textile Schraube» zerlegbaren, zum Teil biologisch abbaubaren, Geweben.

 

Wie steht die Schweiz im Vergleich mit der EU bezüglich der Kreislaufwirtschaft und welche politischen Ansätze wären hilfreich bei der Umsetzung?

Die EU hat ein Kreislaufwirtschaftspaket verabschiedet. Dabei handelt es sich aber oft um Richtlinien und Empfehlungen und nicht direkt um Gesetze. Deshalb werden sich die Resultate der konkreten Umsetzung noch zeigen müssen. Jedoch haben sieben europäische Länder umfassende nationale Kreislaufwirtschaftsstrategien verabschiedet. Die Schweiz ist hier leider noch nicht so weit. Mein Wunsch wäre eine ganzheitliche Strategie für die Anpassung der Rahmenbedingungen für die Kreislaufwirtschaft. Dabei kann es um steuerliche Begünstigungen, Abschreiberichtlinien, Deklarationspflichten, Anpassungen bei den Gewährleistungspflichten oder die Beseitigung von Hemmnissen für neue Materialien oder Prozesse gehen.

 

Warum gibt es heute nicht mehr Kreislaufwirtschaft bzw. welche Hemmnisse bestehen und mit welchen Massnahmen lassen sich diese überwinden?

Als Haupthemmnis sehe ich, dass die ökonomischen Chancen der Kreislaufwirtschaft noch nicht umfassend verstanden werden und im vorherrschenden Geschäftsmodell nicht realisierbar sind. Denn im Verkaufsmodell ist kreislauffähiges Design wenig lukrativ, da einfach reparierbares Design nicht direkt zu Mehreinnahmen führt. Da die Umstellung zu Miet- und Dienstleistungsmodellen oder der Aufbau von Rücknahmesystemen und Restwertverwertung viele Aspekte des Unternehmens berührt, braucht es für solche substanziellen Veränderungen es ein tieferes Verständnis der Chancen.

 

Sie sind Reffnet Experte. Bieten Sie eine Kreislaufberatung für Unternehmen an?

Ja, wir führen im Rahmen von Reffnet eine Potentialanalyse von Kreislaufgeschäftsmodellen durch. Dabei schauen wir, wo in den Produkten der Unternehmen während der Nutzungs- und Entsorgungsphase Restwerte anfallen, welche mit Kreislaufwirtschaftsansätzen aktiviert werden könnten.

Wir berücksichtigen die bestehenden Strukturen des Unternehmens, die spezifischen Eigenschaften der Produkte und des Marktes, um pragmatische Ansatzpunkte und neue Geschäftsmodelle zu finden, und damit zusätzliche Kreisläufe auf wirtschaftliche Weise zu schliessen.

Unser Ziel ist es den spezifischen «Business Case Kreislaufwirtschaft» für ein Unternehmen zu finden und so weit zu schärfen, dass ein Pilot in der Geschäftsleitung bewilligungsfähig wird.

 

Denken Sie kurz an die Zukunft. Wie steht es in 5 Jahren um die Kreislaufwirtschaft?

In fünf Jahren wird in vielen Branchen verstanden, dass mit Kreislaufwirtschaftsansätzen mehr Geld zu verdienen ist als mit einem linearen Verkaufsmodell.

In einigen Branchen wird der Wettbewerb um die besten Kreislaufwirtschaftslösungen begonnen haben, weil sich die ersten Pioniere mit ihren ökonomisch vorteilhaften neuen Geschäftsmodellen auf dem Markt erfolgreich etablieren konnten.

Zudem wird der Konsument für Miet- und Dienstleistungsmodelle noch offener sein. Für viele Anwendungsbereiche wird es normal werden, beispielsweise nicht nur das Auto, sondern auch den Bohrer nur noch zu mieten.

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